Entlang des Eisernen Vorhangs – Teil 1: Vom Priwall bis zum Arendsee

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Tag 0

Sonntagabend, 19:30 Uhr. Ich steige in Travemünde exakt an der Stelle aus dem Regionalexpress an der ich vor ziemlich genau einem Jahr meine Tour durch Schweden, Dänemark und Norddeutschland beendet habe. Travemünde hat sich seitdem nicht verändert und so finde ich mich schnell zurecht. Nachdem ich am Pegelhäuschen die zwei obligatorischen Fischbrötchen gegessen habe geht es mit der Priwallfähre zur Halbinsel Priwall. Dort ist schnell auf dem Campingplatz eingecheckt und das Zelt aufgebaut. Nach einem kurzen Abstecher an den Strand ziehe ich auch schon den Reißverschluss vom Schlafsack zu. Morgen starte ich meine Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze in Richtung Hof.

Tag 1

Als hätte ich nie etwas anderes gemacht ist das Camp abgebaut und ich bin gegen 09:30 Uhr startklar. Das heutige Tagesziel ist der Campingplatz bei Witzeeze am Elbe-Lübeck-Kanal. Nach etwa der Hälfte der Strecke mache ich im Grenzhus in Schlagsdorf Station. Dort hat ein Verein ein kleines Museum und eine Außenanlage eingerichtet, die die ehemalige deutsche Teilung zum Thema haben. Leider bleibt mir aufgrund der langen heutigen Etappe nicht sehr viel Zeit in dem Museum. In Erinnerung ist mir jedoch das Außengelände geblieben. Dort zeigt sich wie der Aufbau im „Todesstreifen“ war: Metallsteckzaun, Stacheldraht, Kfz-Sperrgraben, Wundstreifen, Wachturm… all das wird hier zum ersten Mal wirklich greifbar.

Etwas verstört setze ich mich auf mein Rad und fahre weiter. Ich war mir zwar immer der vergangenen Teilung Deutschland bewusst, aber als Kind aus dem Südwesten Deutschlands war die Teilung immer etwas Abstraktes für mich das ich nur aus Büchern kannte. Im Grenzhus wurde das erste Mal greifbar, dass die DDR-Führung Ihre Bürger wirklich professionell eingesperrt hat.

Kurz vor 18 Uhr komme ich am Campingplatz bei Witzeeze an. Dort zieht mein umfangreiches Gepäck am Fahrrad sofort Aufmerksamkeit auf sich und so bekomme ich von mehreren Personen aus der Zeit der deutschen Teilung berichtet. So auch von Günther, einem Dauercamper der mit seiner Frau den Sommer am Elbe-Lübeck-Kanal verbringt. Er lädt mich kurzerhand zu einem Bier in seinen Camper ein, was ich dankend annehme. Bei gutem Karlskrone-Weizen 😉 erzählt er mir von einer Fahrradtour, die er 1954 unternommen hat. Mit seinem Drahtesel fuhr er damals in 4 Wochen entlang der Grenze der BRD, ausgerüstet nur mit einer kurzen Lederhose und einem Stoffhemd. Für mich heute nicht denkbar, fallen mir doch gleich 100 Ausrüstungsgegenstände ein ohne die ich total aufgeschmissen wäre. 😀

Tag 2

Nach dem langen und anstrengenden gestrigen Tag war ich wirklich froh, dass die heutige Etappe bis zum Campingplatz bei Tießau deutlich kürzer werden sollte. Allerdings machte der Gegenwind entlang der Elbe große Teile der Strecke dennoch zu einer strapaziösen Angelegenheit.

Aber von Anfang an… Zuerst ging es Richtung Süden entlang des Elbe-Lübeck-Kanals bis Lauenburg. Dort bin ich weiter elbaufwärts gefahren. Nur kurz von einem Regenschauer gebremst ging es immer auf, oder direkt neben dem Deich in Richtung Süd-Osten bis auf die Höhe von Hitzacker. Auf diesem Abschnitt war mit Abstand der meiste Radverkehr der ganzen Tour. Außerdem habe ich unterwegs 3-4 Wachtürme in freier Wildbahn gesehen. Bemerkenswert, da auf der gestrigen Etappe von der ehemaligen Grenze nämlich fast nichts mehr zu sehen war. Ich glaube der Tourismus an der Ostsee hat die Region recht schnell in Beschlag genommen.

Bei Hitzacker habe ich die Elbe mit einer kleinen Personenfähre überquert. Von Hitzacker aus ging es dann wieder ein paar Kilometer die Elbe abwärts bis nach Tießau, wo ich auf einem wunderschönen Waldcampingplatz übernachtet habe.

Tag 3

Die heutige Etappe sollte mit 93 km wieder etwas länger werden als die gestrige. Zuerst habe ich jedoch wieder mit der Fähre von Hitzacker auf die ostdeutsche Seite der Elbe gewechselt. Anschließend ging es weiter entlang der Elbe bis zur Autobrücke bei Dömitz. Über diese habe ich die Elbe erneut überquert. Auf westdeutscher Seite ging es weiter bis Gorleben, einer kleinen Gemeinde in Niedersachen, die aufgrund ihres geplanten Atommüllendlager und bestehenden Atommüllzwischenlager zu zweifelhaftem Ruhm gelangt ist.

Bereits viele Kilometer vor Gorleben kündigt sich der Widerstand der Bevölkerung entlang der Straßen an. So findet sich an fast jedem Haus ein gelbes X, das den Protest der Bewohner gegenüber dem Atommüll vor der Haustür ausdrückt.

Das Atommüllproblem, das ich nur aus der Zeitung und dem Internet kannte, wollte ich unbedingt einmal live „erleben“. Daher bin ich kurzerhand von meiner Route abgewichen und zum Erkundungsbergwerk Gorleben gefahren, das als potentielles Atommüllendlager gehandelt wird.

Fährt man von Gorleben entlang der Kreisstraße 2 in Richtung Süd-Westen erkennt man auf der rechten Seite das stark gesicherte und überwachte Zwischenlager. Ein Stück weiter befindet sich auf der linken Seite das Erkundungsbergwerk. Dort fallen einem sofort das Greenpeace-Schiff Beluga neben der Zufahrtstraße und jede Menge Infotafeln des Widerstandes auf.

Auf einem Schotterweg habe ich das Erkundungsbergwerk umrundet und aufgrund der mindestens 5 Meter hohen Mauer den Eindruck gewonnen als würde hier Deutschland wirklich etwas vor seinen Bürgern verstecken beschützen müssen!

Anschließend ging es für mich durch die Elbniederungen weiter währenddessen ich noch zweimal die Elbe mit einer Fähre überquert habe. Bei Schnackenburg verließ ich die Elbe und radelte in südlicher Richtung in Richtung meines Tagesziels, dem Campingplatz am Arendsee. Sofort änderten sich die Landschaft und auch die Infrastruktur. Großteils hatte ich den Eindruck, dass die Zeit vor 25 Jahren stehen geblieben ist. Ganz anders als an der Elbe dominiert hier noch der DDR-Beton und alle 10 km trifft man auf eine alte Kaserne der Grenztruppen. Die Straßen in den Ortschaften sind fast ausnahmslos noch mit Kopfsteinpflaster gepflastert. Man merkt hier deutlich, dass der Zugang eines 5 km breiten Streifens entlang der Grenze für DDR-Bürger 40 Jahre lang sehr stark beschränkt wurde.

Tag 4

Heute stand die letzte Etappe des 1. Teils meiner Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze auf dem Programm. Ziel war das wenig entfernte Bergen an der Dumme wo ich meinen Mitfahrer Stefan für die kommenden 4 Tage treffen würde. Da Stefan durch mehrere Zugausfälle erst gegen 22:30 Uhr auf dem Campingplatz eintreffen sollte hatte ich alle Zeit der Welt um die Unwetterschäden des gestrigen Abends zu beseitigen und um meinen Proviant zu ergänzen. 😉

Daher bin ich erst gegen 15:30 Uhr gestartet. In Richtung Westen ging es vorbei an der Hansestadt Salzwedel. Aber halt… unterwegs ein großer Schock… ich habe eine meiner Furtsandalen, die mich bereits zuverlässig auf dem Laugavegur und der Hardangervidda begleitet haben verloren! Meine Suche auf den letzten 5 km der Strecke blieb leider erfolglos. Auch eine Radfahrerin, die mir just in dem Moment entgegen kam, konnte auf Ihrem Weg zum Arendsee den Schuh nicht mehr finden. Vermutlich habe ich ihn schon direkt zu Beginn der Tour auf der nördlichen Umfahrung des Sees verloren. 🙁 (Potentielle Finder bitte melden!!) 😉

Nach einigen Kilometern auf holprigem Kolonnenweg erreiche ich den hervorragenden Campingplatz in Bergen an der Dumme.

Wird fortgesetzt…

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