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Hardangervidda im Winter: Tag 1

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Da bin ich nun an meinem Startort für die Überquerung der Hardangervidda im Winter, in Haukeliseter am Südende des Plateaus. Den gesamten gestrigen Tag habe ich mit Anreise, Besorgungen in Oslo, einer kaum enden wollenden Busfahrt und Umpacken verbracht. So war es nicht verwunderlich, dass ich nach 18 Stunden auf den Beinen einen ziemlich bleiernen Schlaf hatte. Zum Sorgen machen hatte ich nämlich gestern Abend so gar keine Kraft mehr. 😉

Erst ein Stück entlang der E134 bevor ich nach links hinauf aufs Hochplateau der Hardangervidda schwenke
Erst ein Stück entlang der E134 bevor ich nach links hinauf aufs Hochplateau der Hardangervidda schwenke

Nach einem super Frühstück in der Haukeliseter Fjellstue schnalle ich gegen 9 Uhr die Pulka an mein Zuggeschirr und mache die ersten Schritte in Richtung Hochplateau. Der Wind pfeift recht heftig, der Kontrast ist nahe Null und es schneit. Okay, aber das wundert mich nun nicht wirklich, typisches Vidda-Wetter eben. Morgen soll das noch so bleiben. Entlang des Flusses Bora möchte ich etwa 6 km vor der Hütte Hellevassbu ein Camp aufschlagen. Soweit möchte ich heute kommen, 13 km laut zu Hause minutiös aufgestellten Tourenplans.

Thors-Zwillinge

Als erstes gilt es 400 hm bis Thors-Zwillinge, wie ich die beiden markanten Gipfel genannt habe die ich passieren muss, zu erklimmen. Und ich merke schnell, der Schnee ist heftig. Bis zu 40 cm Neuschnee war in den vergangenen zwei Tagen gefallen und wird durch den immer noch anhaltenden Wind zu bizarren Formen verpresst. Die entstehenden Schneeverwehungen sind eigentlich kein Problem für die Ski. Sie gleiten einfach hindurch, aber die Pulka bleibt mit Vorliebe in ihnen stecken. Dann heißt es einen Schritt machen, mit der Hüfte Schwung holen und die Pulka losreisen. Etwa alle 5 Meter. Meine Steigfelle leisten mir heute treue Dienste. Nur mit der Steigzone der Langlaufski wäre es unmöglich bei diesen Bedingungen die mit 45 kg noch sehr schwere Pulka den Hang hinauf zu zerren.

Der Wind bläst fast immer auf der Hardangervidda
Der Wind bläst fast immer auf der Hardangervidda

So wühle ich mich Meter für Meter voran. Ich bin ganz schön auf Betriebstemperatur und trotz des kalten Windes schwitze ich mit Longsleeve und Hardshell nicht schlecht. Alle Stunde mache ich eine kurze Pause von 5 Minuten. Das GPS-Gerät zeigt 2 km/h als Durchschnittsgeschwindkeit in Bewegung. Unglaublich. So brauche ich ewig für die geplanten 130 km über die Vidda und das bei diesen Bedingungen!

Ein erstes Selfie kurz vor Thors-Zwillinge
Ein erstes Selfie kurz vor Thors-Zwillinge

Um 14:30 Uhr erreiche ich Thors-Zwillinge. Die ersten 400 hm laut Plan sind geschafft. Angesetzt hatte ich dafür 2-2,5 Stunden. Das GPS zeigt 9,5 km und 700 hm an. Der Tourplan stimmt hinten und vorne nicht. Alles viel zu optimistisch! Aber okay, das hätte ich nach meiner Erfahrung im Sommer 2013 eigentlich wissen können. Es hilft aber nichts. Weiter…

Bei Thors-Zwillinge kommen mir zwei Tourengeher mit Pulka entgegen. In Ihren Spuren komme ich die nächsten 30 Minuten besser voran. Außerdem geht es erst flach und dann etwas bergab zum See Mannevatn. Anschließend sind die Spuren so verblasen, dass es wieder heißt eine eigene Spur treten oder ab und an entsprechend einer Ahnung in Resten einer Spur zu laufen. Hier bricht man nicht ganz so tief in den pulvrigen Schnee ein und auch die Pulka rutscht etwas besser.

Orientierung – alle 300 m peilen

Manchmal sind nur die Überbleibsel der Tourengeher, sprich deren Urin, Wegweiser wo die Spur verläuft. Der Urin gefriert und wird dann vom Wind in Signalfarbe als groteske Form frei gelegt.

Überbleibsel vorangegangener Tourengeher als Wegweiser
Überbleibsel vorangegangener Tourengeher als Wegweiser

Ansonsten heißt es den ganzen Tag selbstständig orientierten. So peile ich mit dem GPS die Route und wähle den für mich ökonomischsten Verlauf. Das wiederholt sich alle 300-400 m.

Der Schneefall setzt zwischendurch immer mal wieder aus und man könnte das Wetter glatt als gut bezeichnen, wenn nicht der starke Wind an der Hardshell zerren würde.

Der zugefrorene See Mannevatn, am Fuße des Bergs verläuft der Sommerweg den ich 2013 gegangen bin
Der zugefrorene See Mannevatn, am Fuße des Bergs verläuft der Sommerweg den ich 2013 gegangen bin

Etwas später treffe ich auch ein niederländisch-deutsches Pärchen, die mit alpinen Tourenski, einer Pulka, schwerem Rucksack und Kite-Equipment auf dem Rückweg nach Haukeliseter sind. Nach einigen Tagen im Neuschnee und schlechter Sicht haben sie beschlossen Ihre Tour radikal zu kürzen und die Haukeliseter Fjellstue für die restlichen Tage Ihres Urlaubs als Basislager zu nutzen. Teilweise sind Sie nur mit 1 km/h vorangekommen. Sie berichten von einigen anderen Gruppen, die alle ihre geplante Tour aufgrund der Bedingungen nicht durchführen konnten. Wow, das macht nicht gerade Mut, zumal ich schon jetzt ziemlich auf dem Zahnfleisch gehe…

Ein erstes Camp am Årmotvatni

In ihrer Spur laufe, ja zerre ich die Pulka weiter. Bis zum See Årmotvatni, ca. 12 km vor der Hütte Hellevassbu und ca. 5 km vor meinem geplanten heutigen Zielpunkt. Um 16:30 Uhr lasse ich es gut sein und errichte mein kleines Zelt im weichen Pulverschnee. Zuvor muss ich den Schnee erst mit Ski und dann direkt mit dem Stiefeln endlos festtreten um überhaupt mit den Schneeheringen Halt zu bekommen. Mehr schlecht als recht steht mein Shelter für die Nacht und ich verziehe mich vor dem Wind und Schneefall in dessen Inneres.

In der Apsis des Zeltes grabe ich eine Kältefalle für den Kocher und heize ihn mit dem ersten Benzin der Tour vor. 3 Liter habe ich in Oslo beim dortigen DNT Shop gekauft. Es folgen 2 Stunden Schneeschmelze, Tee kochen, heißes Wasser in die Thermosflaschen abfüllen. Das Wasser hat einen leichten Touch von Benzinaroma. Arghhh!! Da ist wohl beim Umfüllen irgendwie etwas daneben gegangen. Ich habe aber keine Kraft mehr nochmal neuen Schnee zu schmelzen und so lasse ich es darauf ankommen. Ich werde schon nicht dran eingehen. Anschließend Essen. Dann rein in den Schlafsack und noch ein paar Zeilen in das Tourenbuch geschrieben und das erste Audiotagebuch geführt. Schlafen mit Gehörschutz, der Wind zerrt am Zelt, die Zeltfolie flattert unentwegt. Keine Ahnung wie ich es bis Finse schaffen soll. Die Augen zu.

Audiotagebuch Tag 1

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