Der Beitrag des Fahrrads zur Individualmobilität – Meine Gedanken

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Über zwei Wochen ist es nun her, dass ich auf meiner privaten Facebookseite einen kritischen Artikel von ZON zum Thema Elektromobilität inklusive einem Kommentar von mir verlinkt habe. Gerne poste ich auch hier noch einmal meine Stellungnahme (leicht gekürzt und hoffentlich um ein paar Rechtschreibfehler bereinigt):

(…) Was bei der Mobilitätsfrage der Zukunft in der öffentlichen Diskussion in meinen Augen völlig ausgeblendet wird ist der Wirkungsgrad und damit meine ich nicht den des eigentlichen Antriebaggregats. Die Karren müssen einfach leichter und kleiner werden. Mit einer 2,2t schweren E-Klasse eine Person 30km vom Wohnort zur Arbeitsstätte zu fahren ist einfach Wahnsinn. Naja,… der #Bundestagswahlkampf war ja nicht nur in diesem Punkt absolut unterirdisch.

Dass das Bedürfnis der „individuellen Mobilität“ jedoch reduziert werden muss oder auch die Arbeitswege verkürzt werden müssen ist totaler Humbug und auch nicht durchsetzbar. Das Bedürfnis nach Mobilität wird weiter steigen, wie auch das Verlangen nach [mehr] Flexibilität der Arbeitnehmer durch die Arbeitgeber.(…)

Dass das Thema E-Mobilität im Autoland Deutschland hochemotional aufgeladen ist, sollte jedem bekannt sein. Daher wird natürlich auch mein Bekanntenkreis auf Facebook längst seine Meinungen gebildet haben. Dass sich entsprechend öffentlich geäußert wird ist jedoch selten, und so hat mich die Anzahl und Länge der daraufhin geschriebenen Kommentare ehrlich gesagt überrascht. Aus den ersten Kommentaren entwickelte sich auch eine, in meinen Augen sehr konstruktive Diskussion, von der sich so manche Talkshow im Spätprogramm des Ersten oder Zweiten etwas abschneiden könnte.

„Mobilitätsmix“ als praktikable Lösung?

Ursprünglich ging es in meinem Post rein um das Auto der Zukunft, sei es nun mit Verbrennungsmotor, rein elektrisch oder irgendetwas dazwischen. Der Verlauf der Diskussion führte dann aber zu einer etwas ausführlicheren Betrachtungsweise, die ich hier mit meinen eigenen Gedanken gerne etwas weiter entwickeln möchte.

Mir ging es in meinem Post eher um die Frage wo geht es hin. Der Weg dorthin bzw. der Übergang von der heutigen rein fossil angetriebenen Mobilität zur „neuen modernen umweltschonenden Mobilität von Morgen“ muss dann im Detail ausgebosselt werden. Da kann ich mir einen Mix aus aktuellen Fahrzeugen, kapazitätsgerecht ausgebautem öffentlichen Nahverkehr und Pedelec vorstellen.
Was mich stört ist, dass wie bei der „Energiewende“ Entscheidungen ideologisch hoch aufgeladen getroffen werden. Da schlägt jeder Physiker und Ingenieur die Hände über dem Kopf zusammen. Und um dem Fass den Boden auszuschlagen: Unsere Kanzlerin ist promovierte Physikerin und macht den Mist auch noch mit!

Tja und eben da kommt er ins Spiel, der Mix aus aktuellen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, kapazitätsgerecht ausgebautem öffentlichen Nahverkehr und eben auch meinem Liebling, dem Fahrrad. Der Mobilitätsmix ist alles andere als auf meinem Mist gewachsen, für mich wird er jedoch leider nicht progressiv genug in den Fokus der Diskussion gerückt. Vermutlich weil er nicht die einfachste aller Pauschallösungen ist, die ins Felde geführt werden, jedoch in meinen Augen die sinnvollste. Lieber wird das ganze Thema in der öffentlichen Diskussion auf die Frage „Verbrennungsmotor oder E-Motor“ reduziert und unsere politische Führung zeigt in der Öffentlichkeit alles andere nur keine Vision für die Mobilität der Zukunft.

Visionen bei der Führung? Fehlanzeige!

Räder sind nicht nur chic sondern auch platzsparend. Gesehen in Göteborg.
Räder sind nicht nur chic sondern auch platzsparend. Gesehen in Göteborg.

Leider neigen Parteien dazu, je ideologischer sie geprägt sind desto schlimmer, die Bürger „gleichmachen“ zu wollen. Überspitzt gesagt möchten Sie, dass jeder ein E-Auto kauft oder als anderes Extrem eine großhubige deutsche Nobelkarosse. Hinzu kommt, dass viele Mitmenschen der Ansicht sind, dass wenn etwas für eine Personengruppe getan wird, deren Mitglied man nicht ist, dies automatisch bedeutet, dass einem selbst etwas weggenommen wird – sprich, die Autofahrer haben Angst, dass ihnen Straßen weggenommen werden nur weil Radwege gebaut werden sollen.

Wenn dies überhaupt jemals so sein sollte, dann in den Zentren der Großstädte, die flächendeckend schon heute unter dem Verkehrskollaps leiden und die, nach dem Vorbild von Kopenhagen, etwas des sowieso total überlasteten Parkraums zu Gunsten von Radspuren umwandeln. Leider ist das aktuell für Deutschland noch größtenteils Wunschdenken, da sich die meisten deutschen Großstätte wohl damit begnügen weiße Striche auf die Fahrbahn zu pinseln – Auto da, Fahrrad hier, erledigt!

Das Fahrrad hat ein ungleich höheres Potential das Lebensgefühl in den Städten positiv zu beeinflussen.

Eine für Radfahrer angenehme, sprich mit ausreichendem Sicherheitsgefühl einhergehende Radinfrastruktur sieht anders aus. Unnötig zu sagen, dass ein E-Golf die verstopften Innenstätte nicht entlastet, sondern nur die Luftverschmutzung in die Umgebung der Braunkohlekraftwerke und -tagebaue verlagert. Das Fahrrad hat ein ungleich höheres Potential das Lebensgefühl in den Städten positiv zu beeinflussen.

Wo Schatten, da auch zwangsläufig Licht!

Wenn es auch in den Städten noch viel Nachholbedarf gibt, um den Anteil der Bürger, die für Kurzstrecken auf das Fahrrad steigen, anzuheben, so gibt es doch auch positive Entwicklungen. Wo Schatten ist, ist eben auch zwangsläufig Licht. 😉 Ich habe den Eindruck, dass der Ausbau der Radwege entlang von sanierten oder neu im Bau befindlichen Bundesstraßen stetig vorangetrieben wird. Leider ist dieser positive Trend maßgeblich auf Bundesstraßen begrenzt, da hierfür Mittel vom Bund zur Verfügung gestellt werden. Für Landes- und Kreisstraßen ist dies jedoch nicht der Fall und die Länderkassen sind bekanntlich leer. Daher wird beispielsweise in Rheinland-Pfalz jeder Meter Radweg nur mit Bundesmitteln gebaut. Zumindest war das die Information, die ich vor 2-3 Jahren von Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Mainz unter der Vorläuferin von Volker Wissing schriftlich erhielt. Übrigens damals eine Grüne…

Pendeln mit dem Rad geht bei Wind und Wetter. Gesehen in Kopenhagen.
Pendeln mit dem Rad geht bei Wind und Wetter. Gesehen in Kopenhagen.

Dies führt dann zu solchen Situationen wie beim Pendeln zu meinem vorherigen Arbeitgeber. 50% der Strecke verlief auf einem hervorragenden neuen Radweg entlang einer Bundestraße, 20% auf Wirtschaftswegen entlang von Feldern und 30% auf einer kerzengeraden, abartig viel befahrenen Landstraße. Dort wurde morgens auf dem Weg zu Arbeit locker 140 km/h gefahren. Dies ist auch einer der Gründe warum ich mich damals gegen das Pendeln mit dem Fahrrad entschieden habe. Das Sicherheitsgefühl rangierte irgendwo zwischen Null und Zahnschmerzen.

Wie bekommt man mehr Bürger dazu mit dem Fahrrad zu pendeln?

Was muss man nun tun, dass mehr Menschen auf das Fahrrad, am besten auch für den Weg zur Arbeit, steigen? Zumal durch die rasante Entwicklung und die seit Jahren steigenden Verkaufszahlen der Pedelecs eine sehr gute Grundlage, auch für Menschen die nicht so fahrradaffin sind wie ich, gelegt ist. Darüber hinaus steigt der Anteil der Pendler immer weiter und auch die gefahrenen Kilometer zur Arbeitsstätte nehmen immer weiter zu. Spricht man also über die „Mobilität von Morgen“, muss man wohl zuerst über die Fahrt zur Arbeit sprechen. Hier kann ich nur meine subjektiven Eindrücke aufführen.

Bessere Radwege

Objektiv gesehen scheint es schon ein sehr ausgeprägtes Radwegenetz zu geben. Allerdings sind der Zustand der Fahrbahnen und die Trassenführung oft noch mangelhaft. Hier muss das bereits ausgeschilderte Radwegenetz konsequent erneuert werden. Darüber hinaus müssen entlang von Land- und Kreisstraßen neue Radwege entstehen, deren Trassenführung auf die Bedürfnisse von Radfahrern ausgerichtet ist.

Kopenhagen macht es vor wie eine fahrradfreundliche Infrastruktur aussehen kann.
Kopenhagen macht es vor wie eine fahrradfreundliche Infrastruktur aussehen kann.

Berücksichtigung der Bedürfnisse der Fahrradpendler im ÖPNV

Ich selbst nutze ÖPNV auf dem Weg zur Arbeit nicht. Von einem Arbeitskollegen habe ich dazu jedoch einiges erfahren. Meist sind die extra ausgezeichneten Fahrradstellplätze in den Zügen während der Pendlerzeiten von Fußgängern belegt, so steht man die gesamte Zugfahrt mit seinem Fahrrad irgendwo zwischen den Wagons. Ist dann mal ein Stellplatz frei ist das Fixiersystem für die Fahrräder unterirdisch und man mag es einem hochwertigen Fahrrad nicht zumuten. Der absolute Abschuss hier bildetet meines Erachtens die IC Flotte der DB. Aber das ist ein anderes Thema, da wohl für kaum einen Pendler relevant. Ein weiterer Punkt sind die Kosten. Nicht in jedem Bundesland ist das Mitführen eines Fahrrads im ÖPNV kostenlos. In Rheinland-Pfalz, dem selbst ernannten Radreiseland, fällt an Werktagen zwischen 6 und 9 Uhr eine Gebühr an. Für eine Jahreskarte werden 615,50 EUR (Stand November 2017) zum normalen Ticket aufgerufen. Ja,… es gibt wahrlich kaum einen besseren Weg um die Mitnahme des Fahrrads unattraktiv zu machen.

Mein Arbeitskollege nutzt übrigens ein Klapprad. Das zählt im zusammengeklappten (!) Zustand als Gepäck und wird daher kostenlos befördert.

Infrastruktur beim Arbeitgeber

Pendelt man mit dem Fahrrad über weitere Strecken, ich nenne hier pauschal einfach mal 10 km, oder hat dabei große Höhendifferenzen zu überwinden, wird man vor Aufnahme der Arbeit Duschen wollen. Aus meinem Bekanntenkreis ist dies übrigens Ausrede Nummer 1 warum für die Fahrt zur Arbeit nicht das Fahrrad benutzt wird. Für Arbeitgeber heißt das ausreichend Duschen, Umkleiden und Spinde vorzusehen.

Darüber hinaus benötigt ein Fahrrad, wie auch ein Auto (nur akzeptiert es dort jeder auf Anhieb) einen geeigneten Parkplatz. Da leider in Deutschland alles geklaut wird was nicht niet- und nagelfest ist möchte niemand sein hochwertiges Fahrrad außen am Betriebszaun stehen lassen. Daher ist eine Einfahrtmöglichkeit auf das Werksgelände und dort passende überdachte Fahrradständer an den Gebäuden die beste Lösung um Pendlern das Rad von Seiten des Betriebs schmackhaft zu machen.

Bei meinem vorherigen Arbeitgeber wurde dies übrigens mit dem deutschen Totschlagargument „das geht aus versicherungstechnischen Gründen nicht“ vom Tisch gewischt. Komischerweise geht es hingegen bei meinem neuen Arbeitgeber, der PFW Aerospace GmbH, ohne das dort reihenweise die Radfahrer von Staplern zu Tode gequetscht werden. Gesunder Menschenverstand hilft wohl doch ab und an weiter!

Und was kann ich persönlich tun?

Und was kann ich nun persönlich tun um dem Schreckgespenst der Klimaerwärmung entgegen zu wirken? Vermutlich nichts, aber Du kannst einiges tun um Deinen persönlichen CO2-Fußabdruck zu reduzieren und gleichzeitig Deine Gesundheit fördern. Inzwischen ist nämlich belegt, dass Radfahrer gesünder pendeln.

Vielleicht hast Du ja eine Idee um das Pendeln mit dem Fahrrad zur Arbeit sicherer, angenehmer oder schneller zu gestalten? Dann schreibe doch einfach mal ein Brief an das entsprechende Ministerium in Deinem Bundesland. Daraufhin wird zwar nicht direkt die Baukolonne ausrücken, wenn aber genug Ihren Vorstellungen Ausdruck verleihen wird langfristig ein Umdenken bei der Politikerkaste stattfinden müssen.

Das Fahrrad zum Liebling der Deutschen machen!

Auch so etwas motiviert: Ein Fahrradzähler in Kopenhagen.
Auch so etwas motiviert: Ein Fahrradzähler in Kopenhagen.

Jeder kennt den Spruch „das Auto ist des Deutschen liebstes Kind„, aber was spricht dagegen das Fahrrad zum Liebling der Deutschen zu machen? Wenn die Begeisterung der Bürger fürs Radfahren weiter steigt wird es irgendwann cooler sein mit einem Drahtesel zu pendeln als mit einem Porsche. Dann wird das Verständnis für Fahrräder im ÖPNV zunehmen und man wird garantiert in der S-Bahn einen Stellplatz für sein Fahrrad bekommen.

Weiterhin kann man bei seinem Arbeitgeber darauf hinwirken, dass auch die Infrastruktur im Betrieb weiter ausgebaut wird. Dazu habe ich weiter oben ja schon einige Punkte zusammengestellt. Ansprechpartner ist hier entweder die Personalabteilung oder eine gut organisierte Betriebssportgruppe.

Oft kostet es auch einiges an Überwindung morgens früher aufzustehen um auf das Fahrrad zu steigen. Als Motivation hilft bei mir ungemein, dass ich durch das regelmäßige Pendeln mit dem Fahrrad mein wöchentlichen Ausdauersportprogramm schon komplett abgedeckt habe. Darüber hinaus motiviert es wenn man ausrechnet wieviel Geld die morgendliche Fahrt mit dem Fahrrad gegenüber dem Auto spart.

Tja und als letzten Tipp kann ich nur sagen: Einfach mehr Fahrrad fahren!

Als bekennender Landbewohner habe ich nur bedingt Kontakt zum Radverkehr in Metropolen. Wohnst Du in einer Stadt und nutzt regelmäßig das Fahrrad? Und wenn nicht, was sind die Gründe dafür? Über Deine Meinung in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen!

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